30.10.03

Teambuildungwochenende!

Ich zittre, meine Arme verkrampfen sich um den Baumstumpf. Ist noch ein Schritt möglich; gewinnt Vernunft oder Hysterie? Ruhig durchatmen. Nicht zum ersten Mal.
Es ist Freitag, keiner ist mehr so recht interessiert am arbeiten, wir fahren weck. Die Computer sind schon längst heruntergefahren. Jeder lauscht so ein bisschen auf den Startschuss und schleichend ungeordnet ertönt er. Die Autos werden nach Raucher und Nichtrauchern aufgeteilt. Bin ich ein Raucher? - Nein aber ich sitze im Auto der Raucher, da es weniger Raucher gibt und man nicht jedem auf Anhieb das Autofahren anvertraut. Verantwortungsbewusstes fahren ist eine Frage des Alters. Also sitze ich mit meinem Chef und der mir zumeist Aufträgeerteilenden in einem Wagen auf den Weg nach Gröbming. Es entstehen keine so recht bahnbrechende Gespräche, aber damit war zu rechnen.
Wahrscheinlich ist ein Motor für das anordnen eines Teambuildungwochenendes der, die Mitarbeiter so nahe zusammenzubringen das sie reden. Es soll so sein, wie nach einem Schikurs oder gar nach einer Projektwoche. Nun fühlte man sich den Schülern danach näher - bestimmt - aber den Lehrern? Besteht bei uns im Team, dieses Chef Untergebenenhörigkeitsprinzip überhaupt? Ich würde sagen nein. Es geht locker zu, man duzt sich, ich für meinen Teil habe dennoch nicht das Bedürfnis meinen Respekt zu verlieren. Ich fühle mich ohnedies schon wohler als ganz am Anfang, oder gar in der Ferialpraxis. Also wozu die Erwartungen zu hoch schrauben. Ist es gut in einer Firma, wenn man die intimsten Geheimnise des anderen kennt? Sicher bin ich neugierig, aber wissen will ich es eigentlich nicht und zu viel preisgeben will ich schon gar nicht. Demnach war mein Prinzip für die Woche ge'mas locker an, mehr beobachten als agieren hat sich immer noch bezahlt gemacht.
Außerdem ging's mir ja auch um den sportlichen und phobischen Anreiz. Ich wusste ja nicht ob ich mit zittrigen Knien um Herablassung betteln musste, ob ich in irgendeinem Wasserstrudel panisch werden würde, ob mir an irgendeinem Seil die Kraft ausgeht und ich Hilflos herabbaumeln würde. Nun ja ich wurde enttäuscht von mir selbst, ich hielt alles aus, es war alles locker und es fühlte sich auch fast alles sehr gut an. - Naja bis auf eine gravierende Sache mit der ich ja auch nicht rechnen konnte.
Alkohol - Die Zimmer waren ziemlich kalt, genauso genommen Eiskalt. Mir war's wurscht, ich hatte auf Kälte trainiert. Ich war eingestellt darauf. Sicher irgendwo hatte ich schon die Hoffnung in einem teueren Hotel mit Masseusen und Entspannungshallenpool zu landen. Bei der Größe des Zimmers, vielleicht aber auch schon beim Lesen des Pensionsnamens hatte sich bei mir schnell der Gedanken eingeklinkt: "Wurscht es geht um den Spaß und das Abendteuer." Die die mich länger kennen, werden das für einen Sarkasmus halten. Der Andi der immer was zum meckern findet, dem soll das keine bösen Bemerkungen entlocken? Kann ja wohl nicht sein. Doch meine Freunde es kann sein. Ein Schritt vorwärts, soweit, dass ich mich schon gefragt habe, ob ich vielleicht dem otonen Meckern mancher Mitglieder zuzusagen sollte, damit's nicht so auffällt. Aber ich war einfach positiv motiviert, neugierig und aufgeweckt, es tut mir leid, so was kann auch mir passieren und genau das wollte ich. Gut manchmal überwältigen einen Dinge.
Mit Alkohol wollte, b.z.w. habe ich eingeleitet. Wenn überrascht's, der spielt eine Rolle. Das bedarf keiner näheren Erläutung. Die Leute trinken halt und sie trinken zu viel. An erstaunlichen Punkten haben sie sich ebenso erstaunlich noch unter Kontrolle, soweit, dass man fast an der Macht des Alkohols zweifelt, wenn er nur die eine oder andere Eigenart ein wenig verstärkt, die Geschichten schlechter und die Argumente durchsichtiger werden, dann bin ich doch schwer enttäuscht. Nun im Grunde genommen bin ich natürlich erleichtert gewesen. Will ich meine Kollegen auszucken sehen? Nein. Mit der Zeit ist es mir aber trotzdem zu blöd geworden, zumindest bin ich nicht als letzter gegangen.


Es ist kalt im Zimmer. Draußen fließt schier geräuschlos die Enns. *piep* Keine sehr klare Nacht, dennoch wenn's nicht so kalt wäre, würde ich gerne auf den Balkon hinausgehen; es muss echt herrlich duften. Das ist also alles was du kannst. Meine Hand gleitet ab von den Lammelen des Heizungskörpers. Ein schwarzer viel zu kleiner Fernseher hängt im rechten Eck. An der Wand bei meiner Bettseite, haben sie ein trostlos dunkles Stillleben zur Auflockerung angebracht. Licht ab und durch. Der Fluchtweg ist versperrt mit unseren beiden Reisetaschen. *piep* Ohne hinzusehen, bemerke ich die Blumenverziehrungen, die mit Holz umrahmt den ländlichen Traditionalismus des Kleiderkastens unterstreicht. WC und Dusche ein kleiner Spiegel und eine irgendwie vergilbt unbrauchbar wirkende Rasierersteckdose vertreiben mir die Zeit während des Zähneputzens. *piep* Ab ins Bett. Meine Güte. Aufwärmen aufwärmen. Jetzt werden wohl die vorbereitenden und die verarbeitenden Gedanken kommen, bis zum einschlafen. Nix? Na hoffentlich weckt er mich nicht auf, wenn ich grad eingeschlafen bin. *piep* hm *piep* Was das wohl für ein Geräusch ist? *piep* Fast wäre ich eingeschlafen. ...

Die Türe öffnet sich, die Klinke stößt gegen den im Weg stehenden Kleiderkasten. Mit beherzten Schritt tritt er ein; sagt irgendetwas. Hä? "Is scho guat. Leg die nida!" Dem folge leistend zieht er sich aus und das neu erhaltene A1 T-Shirt an und wirft sich steif auf's Bett. So Augen zu und schlafen. *piep* ... *piep* ...

Jetzt hat's mich erwischt! Eine Kralle bohrt sich in meinen Rücken. Ich zucke in einen Katzenbuckel. Mein Atem bleibt stehen, in einem kurzen Stoß lasse ich ihn wieder heraus, während ich mich mit weit geöffneten Augen zu dem Ding umdrehe. Aha der muss wohl einen Alptraum gehabt haben. Bin ich mir noch ganz sicher. Er hat sich auch schon auf seine Seite zurückbegeben. Ich beobachte das mal lieber. *piep* ... Endlich wieder Ruhe. ...

*murmelmurmel* "Wir sind eh noch Freunde?" Huch das war viel zu laut. Mein Atem bleibt angehalten, bis ich sage: "Ja, ja! Mach dir keine Sorgen." Ist er jetzt verrückt geworden? Bin ich mir schon gar nicht mehr so sicher. *murmelmurmel* viel zu laut "...LIEB..." *murmelmurmel* Mein Verstand rekonstruiert: Hast mich eh noch lieb? "Ich hab dich lieb.", wird er ja doch nicht gemeint haben. Du meine Güte. *piep* Mit der Zeit wird das alles ein bisschen unwahrscheinlicher, aber so recht einschlafen kann ich nicht. Was macht er als nächstes? Wann merk ich das alles endlich nicht mehr. Wann bin ich eingeschlafen? Was ist los mit ihm? Das kann ja nicht alleine der Alkohol sein. Wann ist der Alkohol aus seinem Kopf? Hm *piep* ...

*Zack* er richtet sich auf; reißt sich förmlich das T-Shirt vom Leib; schleudert es mit beidhändigen Ausholen in der Ausziehbewegung von sich auf den Standarttisch; schaut mich an; zeigt von oben auf mich. "Ich bin jetzt ausgezogen! Du MUSST jetzt schlafen gehen!!" "Ja, ja, ja,..." Wenn ich jetzt noch was gesagt hätte, wäre die Tonlage sicher nicht mehr geradlinig gewesen. Nicht das er's bemerkt hätte. Haha Bin ich schon gar nicht mehr so locker. Haha ich weiß ja warum ich keinen Alkohol trinke! Du meine Güte! Was durchzuckt ihn als nächstes? Legt er seine Hand um meinen Hals und sagt: "Du hast geschaut!" Haha, das kann er doch gar nicht in diesen Zustand! Oder?- Na aber was ist wenn er ungeschickt ausholt und mich im Gesicht trifft? Ganz locker bleiben! Er schnauft eh schon wieder. Ist nicht so einfach dieses Gift zu verarbeiten. Haha. So richtig witzig find ich das jetzt aber nicht wirklich. Wenn er noch so ein Stück liefert flüchte ich. Wo soll ich hingehen? Zu den Mädchen ins Zimmer? Was sollen sich die denken? Am Gang schlafen wo's kalt ist? Aber da kann er ja auch schnell hinkommen. Werd? jetzt nicht absurd! Der ist nur betrunken! Nicht verrückt! - Wirklich? *piep* Dieses verdammte Geräusch, was ist das? Ganz locker, schalt einen Gang runter! Okey? Okey, Okey! Pfff... *Piep* Jetzt kann ich sicher nicht mehr einschlafen. ...

*murmelmurmelbuzababuzaba* Was? Schon wieder? Meine Güte klingt das dämonisch. Aber Gott sei Dank habe ich diesmal nichts verstanden. Na gut das wichtigste ist jetzt so wenig wie möglich Geräusche zu machen. *piep* Ich lieg ganz unbequem und verkrampft da; das Bett ist zu kurz; der Lacken nicht an allen Stellen warm; mein Kreuz pocht ein bisschen wegen der Autofahrt. Und meine Lieblingsembrionalstellung zum Einschlafen kann ich auch nicht einnehmen, weil das viel viel zu viel Lärm machen würde.Wie spät ist es eigentlich schon? *piep* Ganz vorsichtig stecke ich meine Hand in die äußere umhüllende Luft. Ich sehe nichts. Auch drehen und wenden nutzt nichts, die Spiegelungen des Restlichts verstecken die Zeiger. *piep* Es kann ja noch nicht wirklich spät sein. Tiefes Einatmen von dem Ding neben mir. Ah da fällt das Licht ein. Über der Wand am Bett, dort wo normalerweise zwei gleich große, vielleicht auch spiegelnde, Bilder hängen sollten, projiziert sich der Lichtkegel den das Balkonfenster frei gibt. Das ist meine Chance. Mit der Ruhe *piep* und Präzision eines Diebes recke ich meine Hand dem Licht entgegen, steht's bereit sie im Zuge eines Augenschlages wieder im Schutze der blass unschuldig weißen Decke zu haben. Doch nichts geschieht, bis auf die erschreckend gewisse Erkenntnis: Es ist erst zwei Uhr! Zwei nicht vorhandene Bilder für zwei Uhren. Ich seh' mich schon im Sekundenschaf auf den letzten schützenden Fäden des Fangseils baumeln. *piep* Das ist also deine Meinung, piep du nur. Hui der schnauft schon wieder. Bald reißt ihn wieder etwas aus seinen untoten Träumen. Vielleicht sogar die Erkenntnis. Haha. Okey okey, ich kann nur versuchen zu schlafen oder zu flüchten. Ich könnt ihn natürlich auch den Polster auf's Gesicht drücken. Haha. Nein. *piep* Das glaubt mir morgen niemand. *piep* ...

Aha ich bin also doch noch eingemützt. War da noch was? Ich weiß nicht, aber ich glaube schon. Irgendwas dämonisches hat er sicher noch gemurmelt. Zwischendruch hab ich wohl auch geglaubt, das alles nur zu träumen? Aha es ist auch schon hell draußen. Die Zeit hat sich im Kreis gedreht. Es ist nicht so spät wie es eigentlich sein sollte. Naja büsseln wir halt noch ein bisschen. Der Tag hat begonnen.

Bevor ich den ersten Teil bloge möchte ich schon noch gern den letzten Teil gerade rücken und erklären. Es ist natürlich schwer zu vermitteln, dass ich tatsächlich Angst hatte in dieser Nacht, keine sehr rationale Angst, aber im Grunde genommen ist das im Halbschaf auch egal, ob etwas jetzt mehr Phantasie oder Realität ist. Natürlich hat sich alles so zugetragen, wie ich?s geschildert habe, mit kleinen Überzeichnungen um den Effekt zu wahren, dennoch wird mich wohl kaum jemand aus Alkoholismuswahn erschlagen oder erwürgen, und dass ich ihm das, als Person, nicht zutraue ist hoffentlich klar. Ich hab mich auch gefragt, ob es eine Rolle spielt, dass ich ihn doch nicht wirklich gut kenne. Ich denke das ist schon ein Grund. Der Fremde wird leichter zum Psychomörder. Nun schlussendlich war die Situation schon eine sehr spezielle, die so ein bisschen ihren Eindruck hinterließ obwohl er schon verblasst. Menschen mit Verschobenheit "Angst" zu machen hab ich immer für etwas sehr faszinierendes gehalten, es in der Form zu erleben, hätte ich vielleicht nicht unbedingt gebraucht. Nagut wie dem auch sei?

(to be continued)

Posted by Andreas at 30.10.03 11:37
Comments

Mal ne ganz praktische Frage, die ich schon vor einer Weile stellen wollte: Hätte man dieses WE auch verweigern können? Ich find nämlich sowas ziemlich schwachsinnig. Man muss ja nicht unbedingt mit seinen Kollegen dem Tod ins Angesicht geblickt haben, um gut miteinander arbeiten zu können. Dieser ganze neumodische Scheiß entlockt mir nur ein Kopfschütteln. Im übrigen hab ich Höhenangst und würde mich nicht durch Bäume hangeln. Egal, was passiert.

Bin gespannt, wie's weitergeht und welche inneren Dämonen Du an diesem WE besiegt hast;-)

Posted by: Michelle at 30.10.03 13:05

Danke! Das Wort "Teambildungswochenende" werde ich sogleich meiner virtuellen Liste von Gründen hinzufügen, warum ich mich in kein Angestelltenverhältnis begeben will.

Wer sich sowas ausdenkt, hat a) kein Leben und mißt b) dem bißchen Broterwerb eindeutig zuviel Bedeutung bei.

Posted by: martin at 30.10.03 13:26

Weil ich das leider schon vorwegsagen muß. Man war zu nix gezwungen, zum mitfahren schon mehr oder weniger aber was solls, zum großteil zahlts die Firma.
Und außerdem wars sau genial, also ich würd das nicht missen wollen und empfinde es eigentlich als ein sehr tolles angebot einer firma.
Und endlich mal aktion!!!

Posted by: Andreas at 30.10.03 14:00

Diesmal im richtigen Thread:

Mit Kollegen in einem Zimmer schlafen zu müssen ist eine Zumutung. Selbst dann, wenn man - wie Du - das Wochenende als letztendlich "genial" beschreibt.

Ich habe noch nie was von solchen Verantaltungen gehalten, war in der Firma für "Siezen" und gegen durch Alkohol herbeigeführte Verbrüderungen.

@martin
Du sagst es; aber auch als Angestellter kann man seine Freiheit verteidigen.

Posted by: hape at 30.10.03 14:13